“Sie waren stets bemüht…”

Deutschland arbeitet schon seit Jahren an einer "Schul-Cloud". Gerade jetzt, in der Corona Krise, versagt der virtuelle Schulbetrieb. Warum?
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Hier die Folge anhören!

Und schon wieder sitzengeblieben!

Ich erinnere mich gern an meine Schulzeit zurück. Mal abgesehen davon, dass ich gerne zur Schule gegangen bin weil ich dort auch meine Freunde treffen konnte, bin ich mir sicher habe ich einiges gelernt. Vieles davon ist mal mehr, mal weniger nützlich. Dennoch behaupte ich, dass die Schule (gerade das Gymnasium) mich auf den richtigen Weg gebracht hat. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Schule zumindest zum Teil verändert. Hier und da wurden Whiteboards, Laptops und iPads angeschafft. Aber einen wirklichen Mehrwert sucht man auch heute noch.

Der Overhead is King

In meiner Schulzeit wurde viel mit dem Overhead Projektor präsentiert oder gelehrt. Dass dieser Overhead Projektor auch heute noch in meinem ehemaligen Gymnasium steht und die nachfolgende Generation zum gähnen bringt, geschenkt. In meiner Schulzeit wurden die ersten “Foto-Handys” populär und ich durfte als einer der wenigen Heranwachsenden mein eigenes davon mit in die Schule nehmen. Meine Eltern sind selbständig, deswegen “brauchte” ich die Kommunikation wenn ich mal wieder meinen Haustürschlüssel vergessen hatte und  Bescheid geben musste, dass bitte jemand nach Hause kommt und mir die Tür aufmachen kann. Das Handy, es war übrigens ein Nokia 3650 – hässlich wie die Nacht aber doch irgendwie anders, wurde mir natürlich auch im Unterricht weggenommen. Ich glaube ich war da ca. 12 oder 13 Jahre alt und wusste natürlich auch noch nichts mit dem Gerät anzufangen außer Snake oder, das erste Nokia Foto-Handy Game, – Bounce zu spielen. Meine Lehrer nahmen mir das Handy weg, ich vergaß es auszuschalten und erhielt nach dem Unterricht das Handy zurück mit Bildern und Hintergründe meiner Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer. Dass ich einen ganzen Tag und die Hilfe meines Vaters brauchte um das wieder zu entfernen erwähnen wir jetzt mal nicht, peinlich wenn man sich selber als Digitalo der ersten Stunde bezeichnet. Ich habe meine Lektion gelernt aber wie sieht das mit Hinblick auf den heute technologischen Standard in der Schule aus? Sind Handys etwa erlaubt?

Das haben wir schon immer so gemacht

Die Schule musste sich in der Corona Zeit anpassen. Erst wurde sie ausgesetzt, jetzt wird auf digital umgesattelt. Aber irgendwie noch nicht so richtig oder? Manche Lehrer schicken E-Mails mit PDFs zum ausdrucken, die Eltern sollen ihren Kindern dann alles erklären. Einige Lehrer setzen Microsoft Teams auf und lehren digital übers Internet. Ein paar Informatik Lehrer basteln sich eigene Möglichkeiten. Jeder Studierende, der an einer halbwegs digitalen Uni studiert hat kennt Online Vorlesungen, kennt Cloud Speicher, die gängigen Office Lösungen usw. Das dieses Thema aber in den Sekundarstufen oder vielleicht auch Grundschulen noch immer nicht richtig umgesetzt und gelöst ist, zeigt sich jetzt.

Es fehlt die Vision. Es fehlt ein Plan, wie Schule digital transformiert werden kann. Solange die Schüler jeden morgen in die Schule kamen, ließen sich auch ausgedruckte Arbeitsblätter verteilen, Handys verbieten und die Digitalisierung verschieben. Anfang der 2000er gab es dann engagierte Lehrer, die Informatik AG’s und Fächer anboten. Computerräume wurden vereinzelt eingerichtet. Wofür diese Räume zu diesem Zeitpunkt dann aber genutzt wurden wissen wir, Blobby Volley, Counter-Strike in den Pausen und vereinzelte Chats mit Freunden über ICQ. Die Digitalisierung hat seitdem die Welt verändert – die deutschen Schulen aber nicht.

Ist die DSGVO Schuld?

Spätestens seit Corona rächt sich die verschlafene Digitalisierung. Bei Schülern, Lehrern und Eltern. Statt jetzt über Analysis zu grübeln oder Lektüren zu analysieren, wird jetzt Hinschmalz in die Frage nach Speicherung der Dateien und ob man die E-Mailadressen von Schülern auf dem Computer sichern darf gesteckt. Ermüdend für alle Parteien. Und das Ergebnis: Um überhaupt richtig unterrichten zu können, müssen erarbeitete Datenschutzrichtlinien wie die DSGVO letztlich hintenanstehen. Der Unterricht läuft über Zoom, Discord, Twitch oder über Google Dienste.

Diese Bastelei führt dann dazu, dass Mitschüler, die es ohnehin nicht so gut haben auch noch benachteiligt werden. Zu Hause lernen geht einfacher, wenn man ein eigenes Zimmer, einen Computer, eine schnelle Internetverbindung hat und Eltern die einem im Zweifel noch mal etwas erklären können. Im Wohnzimmer, auf dem Couchtisch, mit den Hausaufgaben auf einem kleinen Smartphone Bildschirm und dem Fernseher im Hintergrund ist das schwieriger.

Viele der Schulen basteln sich jetzt Ihre eigene Lösung zusammen – immer unter Rücksicht auf die DSGVO Richtlinien. Einige Schulen und auch Schüler haben aber Glück im Unglück und konnten schon ab dem 14. März mit digitalem Unterricht loslegen. Ich habe meine Inspiration aus dem Artikel der t3n. Dort gibt es auch ein Interview mit einem Schulleiter eines hessischen Gymnasiums. Er hat vorher schon Zeit in die Digitalisierung seiner Schule gesteckt – jetzt natürlich mehr. Und bei ihm ging der digitale Unterricht direkt los. Zwei Tage nach der Ansprache zum Online Unterricht gab es dann die Erste Mathestunde live im Netz. Ohne Probleme, mit einem klaren Plan. Ein Held der die Digitalisierung vorantreibt, aber in dem Magazin nicht seinen echten Namen veröffentlicht haben möchte. Wieso? Weil er befürchtet für diesen digitalen Alleingang von der Landesregierung abgestraft zu werden. Oh Man!

Gibt’s da nicht auch was mit Cloud?

In meinem Informations- und Kommunikationstechnik Studium hatten wir auch eine Vorlesungsreihe die sich mit neuen Geschäftsideen auseinandergesetzt hat. Wir haben in kleinen Gruppen Businessmodelle zu unseren neuen Forschungen und Entwicklungen präsentiert. Im Endeffekt war es auch diese Vorlesungsreihe die mich dazu bewegt hat ins Management zu gehen. Long Story short. Es gab eine Gruppe die eine Schul-Cloud oder auch eine Schul-Plattform entwickelt und vorgestellt hat. Ich war damals schon begeistert von der Idee. Wenn ich mich zurück erinnere an meine Schulzeit kam es schon oft vor, dass ich erst zur Schule ging und dann am schwarzen Brett mitbekam dass die Stunde ausfällt. Wieso die Stunde ausfiel ist jetzt zweitrangig aber mit einer Cloud oder einem Portal, in dem man sich morgens (oder abends am Tag zuvor) nach dem aufstehen einloggt und direkt weiß was der Tag bringt um sich alles ordentlich einzuteilen ist wesentlich effektiver als dann eine Stunde beim Bäcker nebenan, ohne wirkliche Todo’s, zu verbringen. Ich habe leider keinen Kontakt mehr zu den Jungs, aber Props an euch! Ihr wart aus meiner Sicht die ersten mit dieser Idee!

Die HPI Schul-Cloud

Am Hanno-Plattner-Institut (HPI) wird die HPI Schul-Cloud entwickelt. Dort entstand die Idee 2016 beim IT-Gipfel in Saarbrücken. Projektleiter ist Christoph Meinel. Seine Idee war, eine Art bundesweites Betriebssystem für digitalen Unterricht aufzubauen: “Wo Texte erzeugt werden, Präsentationen gemacht, wo es Austausch gibt und Teamarbeit, wo Dateien gespeichert werden können.” In Anlehnung an den App-Store kommt die eigentliche Lern Software aus einen Lern-Store. Die Infrastrukturen für die Dateiablage und Ähnliches werden laut Meinel von allen Schulen, unabhängig von Bundesland benötigt, weshalb diese Bastelei und Individualisierung von Schule zu Schule wenig Sinn ergibt. Das HPI möchte nicht dauerhaft ein Produkt anbieten und sich auch nach erfolgreicher Einführung gerne zurückziehen. Alles was das HPI entwickelt hat ist Open-Source und darf auch gerne weiterverarbeitet werden.

Das Konzept wurde als förderungswürdig eingestuft und die Entwicklung von der damaligen Bildungsministerin und dem Bildungsministerium mit sieben Millionen Euro unterstützt. Das Projekt läuft aber schleppend. Ein Netzwerk von nur ca. 100 Schulen mit Schwerpunkt auf die MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) durfte teilnehmen. Im nächsten Step wurde diese Schul-Cloud dann in Niedersachsen, Brandenburg und Thürigen ausgerollt. Als Corona eintrat und die Schulen geschlossen wurden waren 250 von 40.000 Schulen bei der Schul-Cloud angemeldet.

“Bis 2020 gab es keine gemeinsame Entwicklung, keinen gemeinsamen Plan der Bundesländer. Erst Corona hat den Hunger auf Digitales angeregt, vorher ging es nur im Schneckentempo voran” – Christoph Meinel | Direktor HPI

“Bis 2020 gab es keine gemeinsame Entwicklung, keinen gemeinsamen Plan der Bundesländer. Erst Corona hat den Hunger auf Digitales angeregt, vorher ging es nur im Schneckentempo voran”, sagt der Direktor des HPI. Seit Corona gibt es jetzt 3.000 Neuanmeldungen. Die aktuelle Bildungsministerin Anja Karliczek hat noch mal 15 Millionen Euro an das HPI nachgeschossen. Laut Meinel ist die Schul-Cloud skalierbar und könnte, mit Hilfe des Bundes, die Last von 40.000 Schulen stemmen.

Woran hat es gelegen?

Der FDP Politiker Manuel Höferlin sagt dazu: “Weil es einfach nicht gemacht wurde, von allen Akteuren nicht. Es gab keine Bewegung bei den Behörden, keine Bewegung bei den Lehrern, die Schulen haben nicht umgestellt, die Lehrer wurden nicht digital fortgebildet.”

Im Jahr 2018 wurden fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung von Schulen versprochen. Bei 40.000 Schulen in Deutschland sind das aber nur 125.000€ die jede Schule erhält. Mal abgesehen davon, dass zum jetzigen Zeitpunkt nichtmal jede Schule das Geld erhalten hat, was kann man damit kaufen? 100 Macbooks. Aber 100 Macbooks sind nicht die Lösung. Das ist nicht die digitale Transformation der Schule die es braucht. Viele Unternehmen stehen auch heute noch vor dem Problem, dass sie die digitale Transformation in “Ich kaufe einige Rechner und dann wird alles gut” übersetzen. Und ausgerechnet Schulen sollen selbst – jede für sich, weil “Landessache” – herausfinden, wie digitale Transformation richtig geht. Eine schwieriges Unterfangen.

Plattformökonomie in Estland als Vorbild?

Das ich ein Fan der Plattformökonomie bin, ist nicht neu. Ein System für alles. Das ergibt, gerade zur heutigen Zeit einfach Sinn und befreit die Bürger bzw. die Nutzer von lästigen doppelt oder dreifach Logins und vom hin und her switchen in den Systemen. Gerade Deutschland baut sich gerade einen weiteren Flickenteppich was Plattformen angeht auf. Das Innenministerium baut die Bundes-Cloud, das Wirtschaftsministerium baut Gaia-X, jetzt auch noch eine Schul-Cloud.

In Estland gibt es seit dem Jahr 2000 einen Prototypen der sich X-Road nennt. Mittlerweile voll ausgereift, wird dieses “digitale Betriebssystem” Estlands von allen genutzt. Alle Ministerien und Behörden nutzen es für Kommunikation untereinander und mit den Bürgern. Steuern, Unternehmensgründungen, Bestätigungen für Sehtests für Führerscheine, Strafzettel oder Parlamentswahlen – alles unter einem Dach.

Auch das Ekool System – das estnische ELearning System – ist an X-Road angeschlossen. Man kann dort als Schüler Arbeitsmaterialien aufrufen, Hausaufgaben und Kommentare der Lehrer, Termine für Prüfungen oder Noten einsehen. Eltern können Push Benachrichtigungen einstellen wenn das Kind nicht in der Schule auftaucht. Als in Estland die Schulen wegen des Corona Virus geschlossen wurden, ging Ekool durch den erhöhten Traffic in die Knie. Für 20 Minuten. Danach lief alles wieder stabil. Auf die Frage wie Estland es schafft das ganze besser zu machen, während in Deutschland alle Überfordert wirken antwortet Toomas Ilves, der ehemalige Präsident Estlands und treibende Kraft hinter der Digitalisierung des Landes mit: “Bei Digitalisierung geht es nicht nur um Technik. Wichtiger sind politischer Wille, Gesetze und Regularien. Und, wenn du irgendwo hinkommen willst, musst du mit den Jungen anfangen. Deswegen haben wir den Computerunterricht in die Schulen gebracht.”

Hat es begonnen?

Haben wir den Ernst der Lage nun verstanden? Geht es jetzt in die richtige Richtung? Für Höferlin klingt das gerade so “[…], als wollte man die Situation überbrücken, bis alle wieder ‘normal’ Schule haben.” Dass das nicht der richtige Weg ist, wissen wir. Und wenn es so weitergeht, dann werden selbst meine Enkelkinder noch mit dem gleichen Overhead Projektor lernen mit dem ich Anfang der 2000er unterrichtet wurde – während alle anderen schon weit voraus sind. Die Zukunft dieser Kinder sieht dann nicht gut aus, sie wurden abgehängt – in dieser Zukunft dann nicht nur digital sondern auch gesellschaftlich – … Sie waren stets bemüht.

Eure Meinung

Wie seht Ihr die aktuelle Situation rund um das Thema Schule? Sind wir schon weiter als viele anderen? Hinken wir hinterher und müssen uns sorgen um den Nachwuchs machen? Wie sollen wir mit der Situation umgehen? Schreibt gerne in die Kommentare oder schreibt mir unter hello@digibeat.de und lasst uns in die Diskussion gehen. Bis dahin, lernt immer fleißig weiter und bleibt digital!

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